Rolls-Royce Power Systems erweitert sein Geschäft mit integrierten Antriebslösungen für Yachten. Das Unternehmen aus Friedrichshafen ergänzt sein mtu-Portfolio um drehzahlvariable Gensets der Baureihe 2000 und eine neue Abgasnachbehandlung. Damit rückt nicht mehr allein der Motor in den Mittelpunkt. Steuerung, Stromversorgung, Antrieb und Automation sollen stärker als zusammenhängendes System geplant werden.
Hinter diesem Ansatz steht die Strategie „From Bridge to Propeller“. Für Werften und Eigner bedeutet sie, dass wesentliche technische Bereiche einer Yacht aufeinander abgestimmt werden können. Rolls-Royce verbindet dafür seine mtu-Antriebstechnik mit Energiemanagement, Automation und der Brückenlösung mtu NautIQ Bridge.
Für den Geschäftsbereich Power Systems ist Marine eines der strategischen Wachstumsfelder. CEO Dr. Jörg Stratmann hatte bereits bei der Vorstellung einer weiterentwickelten Variante der mtu-Baureihe 2000 im vergangenen Jahr deutlich gemacht, welche Rolle diese Motorenfamilie dabei spielt. Die Baureihe werde zu einer zukunftsorientierten Plattform für innovative und nachhaltigere Antriebslösungen weiterentwickelt, erklärte Stratmann damals. Ziel sei es, maritime Projekte leistungsfähig, effizient und zukunftsfähig umzusetzen.
Stromerzeugung folgt dem tatsächlichen Bedarf
Ein wesentlicher Baustein der aktuellen Portfolioerweiterung sind standardisierte drehzahlvariable Gensets auf Basis der mtu-Baureihe 2000. Anders als Systeme, deren Motoren mit weitgehend konstanter Drehzahl arbeiten, können sie ihre Drehzahl an den aktuellen Strombedarf an Bord anpassen.
Nach Angaben von Rolls-Royce lassen sich dadurch Kraftstoffverbrauch und CO₂-Emissionen während des Betriebs um bis zu 15 Prozent reduzieren. Gleichzeitig sinkt die Geräuschentwicklung um rund sechs Dezibel. Gerade im Yachtsegment ist dieser Aspekt relevant, weil technische Leistungsfähigkeit dort mit hohen Anforderungen an den Komfort verbunden ist.
Die neuen Aggregate decken einen elektrischen Leistungsbereich zwischen 650 und 1.850 kWe ab. Ihre kompakte Konstruktion und hohe Leistungsdichte sollen den Einbau auch dort erleichtern, wo der verfügbare Maschinenraum begrenzt ist. Die Antriebsanlage ermöglicht nach Unternehmensangaben ein Eindeck-Maschinenraum-Konzept und kann damit zusätzliche Flexibilität bei der Auslegung einer Yacht schaffen.
Darüber hinaus sind die Gensets für die Kombination mit Batteriesystemen vorgesehen. In solchen Anwendungen können sie beispielsweise die Funktion eines Reichweitenverlängerers übernehmen. Rolls-Royce überträgt damit Erfahrungen aus bestehenden diesel-elektrischen Antriebskonzepten auf ein stärker standardisiertes Angebot. Drehzahlvariable Aggregate der größeren mtu-Baureihe 4000 kommen bereits auf zahlreichen Schiffen zum Einsatz, während die Baureihe 2000 ebenfalls seit längerem für diesel-elektrische Yachtantriebe genutzt wird.
Neue Abgastechnik erweitert Einsatzmöglichkeiten
Parallel zur elektrischen Energieversorgung adressiert Rolls-Royce mit einer neuen SCR-Abgasnachbehandlung die regulatorischen Anforderungen an den Yachtbetrieb. Das für Motoren der mtu-Baureihe 2000 entwickelte System soll den Einsatz in Seegebieten ermöglichen, in denen strengere Emissionsvorgaben gelten.
Die gemeinsam mit dem Abgasnachbehandlungsspezialisten Eminox zu zertifizierende Lösung erfüllt laut Unternehmen die Vorgaben von IMO Tier III. Gegenüber den Grenzwerten von IMO Tier II sollen die Stickoxidemissionen um 75 Prozent sinken.
Bei der Entwicklung spielt neben der Emissionsminderung auch die Integration in unterschiedliche Schiffskonzepte eine Rolle. Abhängig vom jeweiligen Lastprofil ist die Abgasnachbehandlung auf bis zu 16.000 Betriebsstunden ausgelegt. Für die Dosierung benötigt das System keine Druckluft. Dadurch soll sich die Technik flexibler in unterschiedliche Maschinenraumkonfigurationen einpassen lassen.
Die Erweiterung fügt sich zugleich in die längerfristige Entwicklung der Baureihe 2000 ein. Rolls-Royce arbeitet daran, seine Verbrennungsmotoren mit unterschiedlichen Kraftstoffen und technischen Konzepten weiterzuentwickeln. Stratmann hatte bereits mehrfach betont, dass der Verbrennungsmotor aus Sicht des Unternehmens auch künftig eine Rolle spielen werde und die verwendeten Kraftstoffe entscheidend für dessen weitere Entwicklung seien.
Vom Komponentenlieferanten zum Systemanbieter
Wirtschaftlich interessant ist an der Portfolioerweiterung vor allem der zunehmende Systemgedanke. Rolls-Royce will nicht lediglich einzelne Motoren, Generatoren oder Automationskomponenten anbieten. Die verschiedenen technischen Ebenen einer Yacht sollen von Beginn an gemeinsam betrachtet werden.
„Unser Anspruch ist es, Werften und Eignern ein umfassendes und zukunftsfähiges Angebot für Yachten zu bieten. Dabei geht es nicht nur um einzelne Komponenten, sondern um das optimale Zusammenspiel der Systeme an Bord für mehr Leistung, Effizienz und geringere Emissionen“, sagt Dr. Lukas Köhler, Senior Vice President Global Marine & Mining bei Rolls-Royce Power Systems.
Für Werften kann eine solche Bündelung vor allem bei Konstruktion und Integration relevant sein. Werden Antrieb, Energieversorgung, Automation und Brückentechnik aufeinander abgestimmt, sinkt nach Darstellung des Unternehmens der Integrationsaufwand. Gleichzeitig lassen sich Schnittstellen zwischen unterschiedlichen Systemen reduzieren.
Dazu verbindet Rolls-Royce die mtu-Antriebssysteme mit der mtu NautIQ Bridge und eigenen Automationstechnologien. Das daraus entstehende digitale Umfeld soll unter anderem dazu dienen, Energieflüsse an Bord zu steuern, Emissionen zu reduzieren und die Verfügbarkeit der technischen Systeme zu erhöhen.
Baureihe 2000 erhält eine breitere Rolle
Mit den neuen Lösungen entwickelt Rolls-Royce die mtu-Baureihe 2000 damit über ihre klassische Funktion als Antriebsmotor hinaus weiter. Sie wird zum Bestandteil einer Architektur, in der Stromerzeugung, elektrische Komponenten, Abgasnachbehandlung und digitale Steuerung enger zusammenarbeiten.
Für Rolls-Royce Power Systems ist diese Entwicklung zugleich Teil einer breiteren strategischen Ausrichtung des Marinegeschäfts. Statt technische Komponenten isoliert zu optimieren, soll ihr Zusammenspiel über die gesamte Yacht hinweg verbessert werden. „From Bridge to Propeller“ beschreibt damit weniger ein einzelnes Produkt als den Anspruch, einen größeren Teil der technischen Wertschöpfung an Bord abzudecken.

Jahrgang 1981 aus Straßbourg, ist als freier Journalist für verschiedene Online-Medien in ganz Europa unterwegs – Schwerpunkte sind die Bereiche Finanzen, Immobilien und Politik. Seine fachliche Expertise sammelte er als Berater für Global Player sowie Mittelständler. Fournier studierte Wirtschaft und Deutsch in Paris und Dresden. Zur Zeit lebt er im Saarland und verstärkt seit Anfang 2019 das Euro Leaders-Team.