Schwangerschaft, Geburt und die erste Zeit mit einem Neugeborenen werden häufig als Lebensphasen voller (Vor-)Freude und Glück dargestellt. Tatsächlich erleben viele Frauen diese Monate jedoch deutlich ambivalenter. Körperliche Veränderungen, hormonelle Umstellungen, neue Verantwortlichkeiten und soziale Belastungen können die psychische Gesundheit erheblich beeinflussen. Während kurzfristige Stimmungsschwankungen nach der Geburt weit verbreitet sind, entwickelt ein relevanter Anteil der Mütter eine behandlungsbedürftige peripartale Depression.
Dr. med. Julia Jückstock beschäftigt sich als Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe mit der umfassenden Betreuung von Frauen vor, während und nach der Schwangerschaft. Aus ihrer Sicht gehört die psychische Gesundheit ebenso selbstverständlich zur peripatalen Versorgung wie die Kontrolle von Blutdruck, Stoffwechsel oder fetaler Entwicklung. Gerade weil depressive Erkrankungen rund um die Geburt häufig unerkannt bleiben, sieht sie in einer frühzeitigen Diagnostik eine wesentliche Voraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung.
Mehr als der sogenannte Babyblues
Nach der Geburt berichten viele Frauen über emotionale Labilität, erhöhte Reizbarkeit oder häufiges Weinen. Dieser sogenannte Babyblues tritt meist innerhalb der ersten Tage nach der Entbindung auf und klingt gewöhnlich nach wenigen Tagen von selbst wieder ab. Er gilt als normale Reaktion auf hormonelle Veränderungen, Schlafmangel und die enorme körperliche Belastung der Geburt.
Davon klar zu unterscheiden ist die peripartale Depression. Der Begriff umfasst depressive Erkrankungen, die während der Schwangerschaft oder innerhalb des ersten Jahres nach der Geburt auftreten. Studien zeigen, dass etwa 10 bis 15 Prozent aller Mütter betroffen sind. Auch Väter können nach der Geburt depressive Symptome entwickeln, wenngleich dies seltener geschieht.
Die Erkrankung äußert sich durch anhaltende Niedergeschlagenheit, Interessenverlust, starke Erschöpfung, Schuldgefühle oder Hoffnungslosigkeit. Hinzu kommen häufig Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme sowie Ängste um das Kind oder die eigene Fähigkeit, den neuen Anforderungen gerecht zu werden. Viele Betroffene empfinden darüber hinaus eine verminderte emotionale Bindung zum Neugeborenen, was zusätzlich belastend sein kann.
Warum viele Erkrankungen laut Dr. Julia Jückstock unentdeckt bleiben
Peripartale Depressionen gehören zu den häufigsten Komplikationen rund um Schwangerschaft und Geburt. Dennoch erfolgt die Diagnose vielfach erst mit erheblicher Verzögerung. Dafür gibt es verschiedene Ursachen.
Viele Frauen sprechen aus Scham oder Angst vor Stigmatisierung nicht über ihre Beschwerden. Das gesellschaftliche Ideal der glücklichen Mutter erzeugt oftmals zusätzlichen Druck und erschwert es Betroffenen, Gefühle wie Überforderung oder Verzweiflung offen anzusprechen. Gleichzeitig werden depressive Symptome von Angehörigen oder sogar im medizinischen Umfeld gelegentlich als normale Begleiterscheinungen der frühen Elternschaft interpretiert.
Dr. Julia Jückstock weist darauf hin, dass gerade Frauen mit erhöhtem Risiko besondere Aufmerksamkeit benötigen. Zu den bekannten Risikofaktoren zählen unter anderem frühere depressive Episoden, Angststörungen, psychosoziale Belastungen, Partnerschaftskonflikte, mangelnde soziale Unterstützung, finanzielle Sorgen sowie belastende Schwangerschafts- oder Geburtserfahrungen. Auch Schwangerschaftskomplikationen oder die Versorgung eines kranken oder frühgeborenen Kindes können das Erkrankungsrisiko erhöhen.
Screening schafft die Grundlage für frühe Hilfe
Depressive Erkrankungen lassen sich weder durch eine einzelne Laboruntersuchung noch durch bildgebende Verfahren diagnostizieren. Umso wichtiger sind strukturierte Gespräche und standardisierte Screening-Instrumente.
Die Perinatalmedizinerin betont, dass psychische Beschwerden bereits während der Schwangerschaft regelmäßig angesprochen werden sollten. Internationale Fachgesellschaften und zahlreiche nationale Leitlinien empfehlen deshalb bei Vorliegen von Risikofaktoren oder bei Anzeichen einer beginnenden Depression wiederholte Screenings im Verlauf der Schwangerschaft sowie nach der Geburt. Häufig kommt dabei die Edinburgh Postnatal Depression Scale (EPDS) zum Einsatz, ein wissenschaftlich validierter Fragebogen, der Hinweise auf eine mögliche Depression liefern kann. Ein auffälliges Ergebnis ersetzt zwar keine fachärztliche Diagnose, erleichtert jedoch die frühzeitige Identifikation gefährdeter Frauen und bietet damit die Chance, diesen Frauen rasch professionelle Hilfe zukommen lassen zu können.
Ebenso entscheidend ist eine vertrauensvolle Arzt-Patientinnen-Beziehung. Viele Betroffene schildern ihre Symptome erst dann offen, wenn sie erleben, dass psychische Belastungen selbstverständlich angesprochen werden und keine Wertung erfolgt. Niedrigschwellige Gesprächsangebote können deshalb den Zugang zur weiteren Diagnostik erheblich verbessern.
Behandlung richtet sich nach Schweregrad und individueller Situation
Eine peripartale Depression ist gut behandelbar. Welche Therapie infrage kommt, hängt von der Ausprägung der Symptome, der persönlichen Lebenssituation und möglichen Begleiterkrankungen ab.
Bei leichten bis mittelschweren Verläufen stehen psychotherapeutische Verfahren im Vordergrund. Besonders für die kognitive Verhaltenstherapie sowie interpersonelle Psychotherapie liegt eine gute wissenschaftliche Evidenz vor. Ergänzend können psychoedukative Angebote, Selbsthilfegruppen oder familienorientierte Beratungsangebote hilfreich sein.
Schwerere Depressionen machen häufig eine Kombination aus Psychotherapie und medikamentöser Behandlung erforderlich. Die Gynäkologin erläutert, dass der Einsatz moderner Antidepressiva in Schwangerschaft und Stillzeit sorgfältig individuell abgewogen werden. Dabei fließen sowohl mögliche Arzneimittelrisiken als auch die erheblichen gesundheitlichen Folgen einer unbehandelten Depression für Mutter und Kind in die Therapieentscheidung ein. Nationale und internationale Leitlinien empfehlen ausdrücklich, diese Nutzen-Risiko-Abwägung gemeinsam mit den Patientinnen vorzunehmen und erforderlichenfalls psychiatrische Expertise einzubeziehen.
Dr. Julia Jückstock: Gute Versorgung entsteht im Team
Die Behandlung peripartaler Depressionen überschreitet die Grenzen einzelner Fachdisziplinen. Je früher verschiedene Berufsgruppen zusammenarbeiten, desto größer sind die Chancen auf psychische Stabilisierung und dauerhafte Genesung.
Hebammen sind häufig die ersten, die Veränderungen im emotionalen Befinden wahrnehmen. Frauenärztinnen und Frauenärzte begleiten die Schwangerschaft kontinuierlich und können Auffälligkeiten früh erkennen. Hausärzte, Kinderärzte, Psychotherapeutinnen, Psychotherapeuten sowie Fachärzte für Psychiatrie ergänzen die Versorgung entsprechend ihrer jeweiligen Expertise. Auch Familienberatungsstellen und sozialmedizinische Angebote übernehmen eine wichtige Funktion, wenn zusätzliche psychosoziale Belastungen bestehen.
Privatdozentin Dr. med. Julia Jückstock sieht gerade in dieser interdisziplinären Zusammenarbeit einen wesentlichen Faktor für eine hochwertige Versorgung. Ein enger Informationsaustausch zwischen den beteiligten Berufsgruppen ermögliche es, individuelle Unterstützungsangebote frühzeitig einzuleiten und Versorgungslücken zu vermeiden.
Folgen einer unbehandelten Depression reichen über die Mutter hinaus
Bleibt eine peripartale Depression unbehandelt, betrifft dies nicht ausschließlich die psychische Gesundheit der Mutter. Studien zeigen, dass anhaltende depressive Symptome die Eltern-Kind-Interaktion beeinträchtigen können. Frühkindliche Bindungsprozesse, die emotionale Entwicklung des Kindes sowie das familiäre Zusammenleben werden dadurch mitunter erheblich beeinflusst.
Gleichzeitig steigt für die betroffenen Frauen das Risiko einer chronischen Depression oder weiterer psychischer Erkrankungen. In schweren Fällen können Suizidgedanken auftreten, weshalb entsprechende Warnzeichen stets ernst genommen und umgehend fachärztlich abgeklärt werden müssen.
Psychische Gesundheit gehört für Dr. Julia Jückstock selbstverständlich zur Geburtshilfe
Die moderne Geburtshilfe umfasst weit mehr als die sichere Begleitung von Schwangerschaft und Entbindung. Sie schließt die körperliche und psychische Gesundheit der Mutter gleichermaßen ein.
Für Dr. Julia Jückstock ist deshalb klar, dass die Frage nach dem seelischen Befinden einen festen Platz in jeder Schwangerschaftsvorsorge und Nachbetreuung haben sollte. Frühzeitige Screenings, gut erreichbare Beratungsangebote und eine enge Zusammenarbeit verschiedener Fachrichtungen schaffen die Voraussetzungen dafür, dass betroffene Frauen rechtzeitig Unterstützung erhalten. Peripartale Depressionen sind häufig, medizinisch gut beschrieben und in den meisten Fällen erfolgreich behandelbar – vorausgesetzt, sie werden erkannt und konsequent therapiert.
Dr. Julia Jückstock im Netz
- Zwischen Verantwortung und Resilienz: Wege zu weniger Stress im ärztlichen Alltag – ein Gespräch mit Dr. Julia Jückstock
- Dr. Julia Jückstock über Kommunikationsstrukturen im Kreißsaal – Ein Beitrag aus ärztlicher Perspektive
- Medium-Blog
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- Dr. Julia Jückstock – everybody.wiki

Jahrgang 1981 aus Straßbourg, ist als freier Journalist für verschiedene Online-Medien in ganz Europa unterwegs – Schwerpunkte sind die Bereiche Finanzen, Immobilien und Politik. Seine fachliche Expertise sammelte er als Berater für Global Player sowie Mittelständler. Fournier studierte Wirtschaft und Deutsch in Paris und Dresden. Zur Zeit lebt er im Saarland und verstärkt seit Anfang 2019 das Euro Leaders-Team.